{"id":131,"date":"2013-10-04T15:36:39","date_gmt":"2013-10-04T13:36:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.porzellanland.net\/seherman\/?page_id=131"},"modified":"2014-11-06T00:29:18","modified_gmt":"2014-11-05T22:29:18","slug":"die-maer","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.porzellanland.net\/seherman\/?page_id=131","title":{"rendered":"die maer"},"content":{"rendered":"<p>Eine Mithrash\u00f6hle auf der Gradi\u0161\u010de \u00fcber St. Egyden<\/p>\n<p>Die Abteilung f\u00fcr Ur- und Fr\u00fchgeschichte am<br \/>\nLandesmuseum K\u00e4rnten hat in Zusammenarbeit mit der<br \/>\nMarktgemeinde Schiefling am See (Bgm. Valentin Happe)<br \/>\nvom 5. Juli bis 19. August 2011 im Bereich der Gradi\u0161\u010de<br \/>\n(Parz. 635\/1, KG St. Kathrein) oberhalb von St. Egyden<br \/>\narch\u00e4ologische Ausgrabungen durchgef\u00fchrt (Abb. 1).<br \/>\nDeren Ausf\u00fchrung konnte dank der gro\u00dfz\u00fcgigen<br \/>\nZustimmung der Grundbesitzerinnen, Frau Mag. Ingeborg<br \/>\nMaria und Frau Mag. Maria Magdalena Seher aus St.<br \/>\nEgyden, erfolgen. Die schwierige Logistik der Ausgrabung<br \/>\nim Hang bew\u00e4ltigten in dankenswerter und verl\u00e4sslicher<br \/>\nWeise Mag. Andr\u00e9 Tschapeller (Lienz) sowie Richard<br \/>\nDrotleff (Klagenfurt) und Peter Seher (St. Egyden\/Wien).<br \/>\nSeit den 1960er Jahren waren von der Gradi\u0161\u010de vorgeschichtliche<br \/>\nbis r\u00f6merzeitliche Kleinfunde bekannt geworden;<br \/>\nzudem sind im Kuppenbereich Wallspuren zu erkennen.<br \/>\nZiel der Ausgrabungen war allerdings nicht die<br \/>\nKuppe, sondern eine durch eiszeitlichen Felsversturz entstandene<br \/>\nH\u00f6hle im \u00f6stlichen Bereich des S\u00fcdabhanges, in<br \/>\nder seit geraumer Zeit von verschiedener Seite Kleinfunde<br \/>\nbeobachtet worden waren, darunter Fundst\u00fccke, die an ein<br \/>\nsp\u00e4tr\u00f6misches H\u00f6hlenheiligtum denken lie\u00dfen. Das hat<br \/>\nsich best\u00e4tigt und auch medial entsprechendes Echo<br \/>\ngefunden.<\/p>\n<p>Die etwa von Westen nach Osten verlaufende H\u00f6hle ist mit<br \/>\nVorplatz rund 10 m lang und rund 3 m breit. Im Bereich<br \/>\ndes westlichen Endes der H\u00f6hle l\u00e4sst der verst\u00fcrzte m\u00e4chtige<br \/>\nKonglomeratblock ein \u201eFenster\u201c frei (Abb. 2). Von<br \/>\neiner Nutzung in j\u00fcngerer Zeit stammt das Fundament<br \/>\neiner schmalen Mauer, \u00dcberrest einer kleinen Werkst\u00e4tte.<br \/>\nIn einer bis zu 70 cm m\u00e4chtigen ascheh\u00e4ltigen Schicht fanden<br \/>\nsich zahlreiche Tonscherben, Tierknochen und<br \/>\nM\u00fcnzen sowie einige weitere Fundst\u00fccke. Diese fundh\u00e4ltige<br \/>\nSchicht hatte die Form eines Erosionskegels, der eine<br \/>\nVerbindung zu einem rund 5 m n\u00f6rdlich und parallel gelegenen,<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.porzellanland.net\/?attachment_id=890\" rel=\"attachment wp-att-890\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"abb1\" src=\"http:\/\/www.porzellanland.net\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/abb1.jpg\" width=\"255\" height=\"158\" \/><\/a><br \/>\nAbb. 1: Die Gradi\u0161\u010de \u00fcber St. Egyden (im Vordergrund) und der<br \/>\nm\u00e4chtige Kathreinkogel (im Hintergrund). Aufn. P. Gleirscher<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.porzellanland.net\/?attachment_id=891\" rel=\"attachment wp-att-891\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"abb2\" src=\"http:\/\/www.porzellanland.net\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/abb2.jpg\" width=\"261\" height=\"161\" \/><\/a><br \/>\nAbb. 2: Die Kulth\u00f6hle auf der Gradi\u0161\u010de \u00fcber St. Egyden, die fundf\u00fchrende und stark ascheh\u00e4ltige Schicht ist gut zu erkennen. Aufn. P. Gleirscher<\/p>\n<p>von Westen her gut zug\u00e4nglichen H\u00f6hlenraum<br \/>\nerbrachte. Dort sollten demnach die religi\u00f6sen Feiern stattgefunden<br \/>\nhaben. Unter den bisher geborgenen<br \/>\nKleinfunden sind zun\u00e4chst hunderte Tierknochen zu nennen.<br \/>\nDabei handelt es sich um die Abf\u00e4lle von kultischen<br \/>\nMahlzeiten, denen auch Scherben von Trink- und<br \/>\nSpeisegeschirr zuzuordnen sind. Zu nennen sind weiters<br \/>\nmehrere Fragmente von \u00d6ll\u00e4mpchen. Zum Kultger\u00e4t z\u00e4hlen<br \/>\nein Marmorblock (45 x 30 x 19 cm), der als eine Art<br \/>\n\u201eAltarstein\u201c diente \u2013 und dessen Verlagerung durch<br \/>\nErosion fragw\u00fcrdig erscheint \u2013, und mehrere, mit aufgelegten<br \/>\nSchlangen verzierte Kultgef\u00e4\u00dfe (Abb. 3). Die<br \/>\nSchlangen, die sich \u00fcber den Gef\u00e4\u00dfrand beugen, d\u00fcrften<br \/>\nanzeigen, dass die Kultteilnehmer Wein aus diesen<br \/>\nGef\u00e4\u00dfen getrunken haben. Ein Schlangengef\u00e4\u00df tr\u00e4gt eine<br \/>\nleicht besch\u00e4digte f\u00fcnfzeilige Weiheinschrift in lateinischer<br \/>\nSprache (erste Lesung vor Abschluss der<br \/>\nRestaurierung durch Reinhold Wedenig, Graz): D(eo)<br \/>\nM(ithrae) fec(erunt) \/ ]bonius (etwa Libonius, Scribonius,<br \/>\nTrebonius oder Turbonius) \/ M]aximinus \/ c?]ilius (oder<br \/>\nandere) \/ ?]Vibio, das hei\u00dft \u00fcbersetzt: \u201eDem Gott Mithras<br \/>\ngeweiht von ?]bonius (etwa Libonius, Scribonius,<br \/>\nTrebonius oder Turbonius) M]aximinus und c?]ilius<br \/>\n?]Vibio.\u201c Wahrscheinlich sind zwei Stifter mit jeweils zweiteiligem<br \/>\nNamen im Nominativ genannt, n\u00e4mlich [&#8212;]bonius<br \/>\nMaximinus und [&#8212;]c(?)ilius Vibio. Jedenfalls handelt es<br \/>\nsich um eine Auftragsarbeit, weil die Inschrift bereits vor<br \/>\ndem Brand in die Gef\u00e4\u00dfwand geritzt worden war.<br \/>\nEntscheidend ist, dass in der ersten Zeile der Gott Mithras<br \/>\ngenannt ist. Damit ist das Gef\u00e4\u00df europaweit als Rarit\u00e4t<br \/>\nanzusehen und festgelegt, dass es sich beim H\u00f6hlen &#8211;<br \/>\nheiligtum auf der Gradi\u0161\u010de um ein Mithras heiligtum handelt.<br \/>\nHeiligt\u00fcmer f\u00fcr den Mithraskult wurden, um den mit<br \/>\ndem Kult verbundenen H\u00f6hlencharakter zum Ausdruck zu<br \/>\nbringen, in den Boden eingetieft. Naturh\u00f6hlen brachten<br \/>\ndiesen elementaren Grund gedanken umso deutlicher zum<br \/>\nAus druck. Dazu z\u00e4hlt in K\u00e4rnten nicht nur das Mithras &#8211;<br \/>\nheiligtum auf der Gradi\u0161\u010de, sondern auch jenes bei St.<br \/>\nUrban im Glantal.<br \/>\nUnter den im Mithrasheiligtum auf der Gradi\u0161\u010de angetroffenen<br \/>\nWeihegaben verdienen auch ein silbernes<br \/>\nPalmblatt und eine t\u00f6nerne Stierfigur Erw\u00e4hnung. Die<br \/>\nh\u00e4ufigste Weihegabe waren zur damaligen Zeit M\u00fcnzen,<br \/>\nvon denen bisher fast 300 erfasst wurden. Sie stammen<br \/>\nbeinahe zur G\u00e4nze aus sp\u00e4tr\u00f6mischer Zeit, vor allem aus<br \/>\ndem 4. Jahrhundert (bis Kaiser Arcadius). Beachtung verdienen<br \/>\nau\u00dferdem ein eiserner Taschenbeschlag mit<br \/>\nRaubvogelkopfenden und das r\u00fcckseitige Blatt einer kleinen<br \/>\ngoldenen Riemenzunge (L. 1,6 cm) aus dem 6.\/7.<br \/>\nJahrhundert, an die sich die Frage eines Nachlebens des<br \/>\nKultes bis ans Ende der Antike kn\u00fcpft, als der K\u00e4rntner<br \/>\nRaum bereits christianisiert war, wie auch die fr\u00fchchristliche<br \/>\nKirche am Kathreinkogel zeigt. Weil die Gradi\u0161\u010de<br \/>\nnur rund 1 km s\u00fcdlich vom Kathreinkogel liegt, ist zu<br \/>\nvermuten, dass sich die Mitglieder der Kultgemeinschaft<br \/>\nwesentlich aus den dort stationierten Soldaten zusammensetzten.<br \/>\nDer Mithraskult ist eine von mehreren, im Orient beheimateten<br \/>\nReligionen, die im 3. und 4. Jahrhundert unter<br \/>\nden Beamten und Soldaten des R\u00f6mischen Reiches weite<br \/>\nVerbreitung fanden, ehe diese Kulte im Jahre 391 zugunsten<br \/>\ndes Christentums verboten wurden. Auch Kaiser wie<br \/>\nCommodus oder Aurelian waren Mithrasverehrer. Weil es<br \/>\nsich um einen Mysterienkult handelt, dessen Geheimnisse<br \/>\nnur den Eingeweihten enth\u00fcllt wurden, f\u00e4llt seine<br \/>\nBeschreibung nicht leicht. Die Mitgliedschaft war auf<br \/>\nM\u00e4nner beschr\u00e4nkt. In der Fachwelt gibt es zwei<br \/>\nMeinungen zum Mithraskult. Die einen halten den Kult<br \/>\nf\u00fcr eine Sch\u00f6pfung Roms, die altpersische Glaubens &#8211;<br \/>\nvorstellungen und die Seelenwanderungslehre des griechischen<br \/>\nPhilosophen Platon verband. Demnach stand der<br \/>\npersische Gott Mithra \u2013 der Gott des Vertrages und der<br \/>\nVermittlung zwischen den G\u00f6ttern und Menschen \u2013 im<br \/>\nMittelpunkt. Der Legende nach wurde er an einem 25.<br \/>\nDezember aus einem Felsen geboren. Durch die T\u00f6tung<br \/>\neines Stieres (Tauroktonie) h\u00e4tte er die Erde und den<br \/>\nKosmos erschaffen, aus Blut und Samen des Stieres regeneriere<br \/>\nsich das Leben. Platon folgend glaubten die Anh\u00e4nger<br \/>\ndes Mithras, dass die Seelen von einem Fixstern aus \u00fcber<br \/>\nsieben Sph\u00e4ren zur Erde gekommen w\u00e4ren, wohin sie bei<br \/>\nrechtschaffenem Lebenswandel nach dem Tod zur\u00fcckkehrten.<br \/>\nDie Mithrasheiligt\u00fcmer wurden als Wendepunkt<br \/>\nder Seelenwanderung verstanden. Der Weg der Seele<br \/>\nwurde von den Anh\u00e4ngern des Mithras symbolisch in<br \/>\nForm von sieben Weihegraden durchlaufen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.porzellanland.net\/?attachment_id=892\" rel=\"attachment wp-att-892\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"abb3\" src=\"http:\/\/www.porzellanland.net\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/abb3.jpg\" width=\"237\" height=\"158\" \/><\/a><br \/>\nAbb. 3: Gradi\u0161\u010de \u00fcber St. Egyden, zum \u201eAltarstein\u201c umgearbeiteter Marmorblock und, darauf stehend, das Schlangengef\u00e4\u00df mit der Mithrasinschrift. Aufn. P. Gleirscher<\/p>\n<p>Andere Forscher sehen in Mithras eine kosmische<br \/>\nGottheit, die nach der Entdeckung der Pr\u00e4zession, der<br \/>\nzyklischen Taumelbewegung der Erdachse, \u00fcber die<br \/>\nbekannten Planeteng\u00f6tter zu stellen war, selbst \u00fcber den<br \/>\nm\u00e4chtigen Sonnengott Helios. Denn nur eine \u00fcbergeordnete<br \/>\nGottheit h\u00e4tte eine solche Schwankung verursachen<br \/>\nund die Fixsternsph\u00e4re bewegen k\u00f6nnen. Mithras war<br \/>\ndemnach als m\u00e4chtigste Gottheit im Kosmos zu verstehen.<br \/>\nDie Stiert\u00f6tung und der scheinbare Bezug zu Persien werden<br \/>\naus der Beobachtung erkl\u00e4rt, dass sich das Sternbild<br \/>\ndes Perseus am Ende des Stierzeitalters genau \u00fcber dem<br \/>\nSternbild des Stieres befunden hat und diese Konstellation<br \/>\nals T\u00f6tung des Stieres durch Perseus verstanden wurde,<br \/>\nwobei die Plejaden den Dolchsto\u00df anzeigten. Zugunsten<br \/>\ndieser These wird auch vorgebracht, dass es in der altpersischen<br \/>\nReligion keinerlei Zusammenhang zwischen Mithra<br \/>\nund irgendeiner Art von Stiert\u00f6tung gibt.<\/p>\n<p>Mit freundlicher Genehmigung von UNIV.-DOZ. DR. PAUL GLEIRSCHER [LEITER: Abteilung f\u00fcr Ur- und Fr\u00fchgeschichte des LMK]<br \/>\n\u00a9 Landesmuseum f\u00fcr K\u00e4rnten; download<br \/>\nwww.landesmuseum.ktn.gv.at\/wulfenia; www.biologiezentrum.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Mithrash\u00f6hle auf der Gradi\u0161\u010de \u00fcber St. Egyden Die Abteilung f\u00fcr Ur- und Fr\u00fchgeschichte am Landesmuseum K\u00e4rnten hat in Zusammenarbeit mit der Marktgemeinde Schiefling am See (Bgm. Valentin Happe) vom 5. Juli bis 19. August 2011 im Bereich der Gradi\u0161\u010de (Parz. 635\/1, KG St. Kathrein) oberhalb von St. Egyden arch\u00e4ologische Ausgrabungen durchgef\u00fchrt (Abb. 1). 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